
In der Dunkelheit am Nikolausmorgen fällt der Irrtum vielleicht gar nicht auf. Aber wenn die Kinder schnell zu ihren Tellern mit „Apfel, Nuss und Mandelkern“ laufen, dann wartet meistens nicht der Nikolaus, sondern schon der Weihnachtsmann aus Schokolade auf sie. Die Gleichung: Der Nikolaus kommt am Nikolaustag und der Weihnachtsmann zu Weihnachten, gilt schon lange nicht mehr. Der rot gewandete Mann hat den traditionellen Nikolaus mit goldenem Bischofsgewand und seiner Mitra, dem Bischofshut, und dem Hirtenstab längst überlagert. Gerade im evangelischen Norden ist der Weihnachtsmann in der Adventszeit allgegenwärtig. Wer versucht einen Schokoladen-Nikolaus zu kaufen, wird selten fündig. Doch viele Gedichte, Lieder und Filme der Adventszeit erwecken weitere Bilder und Figuren zum Leben und erzählen Geschichten aus anderen Ländern. So gesellt sich Knecht Ruprecht dazu, der manchmal den Nikolaus begleitet, der aber auch neben dem Christkind in Erscheinung tritt (z.B. in dem Gedicht „Draußen vom Walde komm’ ich her“). Besonders in Nürnberg ist das engelsgleiche Christkind sogar die Hauptfigur der Adventszeit. Und wer dann noch fragt, ob der amerikanische Santa Claus nun den Nikolaus oder den Weihnachtsmann verkörpert, dem verschwimmt schnell der klare Gedanke ob der Vielfalt der Traditionen. Die Geschichte der einzelnen Figuren aufzuschlüsseln, bleibt immer nur ein Versuch.
Am Beginn steht Bischof Nikolaus aus der Stadt Myra; sie liegt in der heutigen Türkei. Er wirkte im 4. Jahrhundert. Der 6. Dezember des Jahres 343 (?) gilt als sein Todestag. Historisch wissen wir wenig. Aber seit dem 6. Jahrhundert kursieren viele Legenden über ihn. So soll Nikolaus einer armen Familie geholfen haben, die Aussteuer für die drei Töchter bezahlen zu können. Während einer Hungersnot ließ er Getreide an die Menschen verteilen. Die im Hafen liegenden Schiffe sollten es zum Kaiser nach Konstantinopel bringen. Sie kamen später an, ohne dass auch nur ein Gramm Weizen fehlte. Zudem rettete Nikolaus ein Schiff aus Seenot. Und er erweckte der Legende nach Schüler vom Tode. So gilt Nikolaus als Helfer in mancherlei Not, als Schutzpatron der Schiffer und Bäcker und besonders als Freund aller Kinder und Schüler. Nikolaus tritt bei seinem Wirken nicht in Erscheinung, so bleiben seine Hilfen und Gaben oft geheimnisvoll. So wie sich heute Teller und Stiefel über Nacht mit Leckereien füllen.
In alter Tradition war der 6. Dezember wohl ein Termin, an dem das Wissen der Taufbewerber abgefragt wurde, die zu Epiphanias getauft werden wollten. So verknüpfte sich der Nikolaustag mit einer Prüfung über das rechte Wissen in Glaubensfragen. Im Hochmittelalter war es sehr beliebt, einen Kinderbischof zu wählen, der für einen Tag die Macht übernahm, der predigte und den Erwachsenen mitunter peinliche Fragen stellte. Die eher dunkle Gestalt des Knecht Ruprecht sorgte für Lohn oder Strafe. An diese Gestalt anknüpfend zogen die Menschen in maskierten Umzügen durch die Straßen und trieben ihren Schabernack.
Martin Luther setzte einen neuen Akzent, indem er mit seinem Lied „Vom Himmel hoch“ darum warb, Weihnachten in den Familien zu feiern. Nicht der Trubel rund um den Nikolaustag, sondern das Christfest selbst sollten im Mittelpunkt stehen. So stellte Luther den „Herre Christ“ heraus, der die Gaben bringt. Er weist hin auf das Jesuskind in der Krippe, den Heiland der Welt, das Geschenk, das alle Menschen ohne Vorleistung von Gott bekommen. Gold gelockt und in weißem Gewand tritt das Christkind (meistens von einem Mädchen dargestellt) fast wie ein Engel in Erscheinung. Spannend ist zu sehen, dass ein Anliegen Luthers heute vornehmlich in katholischen Gebieten verbreitet ist. Kulturwissenschaftler meinen, dass das Christkind gegenüber dem Weihnachtsmann schwer zu vermitteln sei, da es nicht so werbewirksam dargestellt werden könne. Doch heute, wo die Engel so beliebt sind, erscheint die Figur des Christkinds in neuem Licht.
Der Weihnachtmann hingegen betrat die Bühne der Weltgeschichte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Er klettert durch Schornsteine und parkt im Sommer seinen Schlitten vermutlich am Nordpol. Die Figuren von Nikolaus, Knecht Ruprecht und Herre Christ verschmelzen zu einer neuen, säkularen Märchengestalt. Die Bischofsattribute (Mitra und Stab) gehen dabei verloren. Im Buch Struwwelpeter ist die typische Zipfelmütze des Weihnachtsmannes schon zu sehen. Seit den 1920er Jahren setzte sich der rot-weiße Mantel immer mehr durch. Eine Werbekampagne von Coca-Cola machte ihn ab 1932 populär. Und heute bringt der allgegenwärtige Weihnachtsmann nicht nur am vierundzwanzigsten die Geschenke, sondern schon in der Nikolausnacht die Süßigkeiten.
Ist Weihnachten ohne den Weihnachtsmann heute überhaupt vorstellbar? Für die Werbung vermutlich nicht. Doch das katholische Bonifatiuswerk will mit der Idee einer „Weihnachtsmannfreie Zone“ den Nikolaus neu ins Bewusstsein bringen. Und Martin Luther kann uns auch heute ans Christkind erinnern. Nikolaus und Christkind bringen gute und gnadenreiche Botschaft, die die Menschen innerlich reich macht. Von solcher Botschaft kann der Weihnachtsmann nur träumen. Nikolaus und Christkind machen deutlich, dass Advent und Weihnachten zwei aufeinander folgenden Zeiten sind, die für den Weihnachtsmann in eins fallen. Nikolaus und Christkind sind keine Märchenfiguren; sie haben wirklich gelebt. Nikolaus und Christkind sind Freunde der Kinder, aber ihre Worte werden auch von den Erwachsenen gehört. Sie verbinden die Generationen ein Leben lang und bringen die Weihnachtsfreude in jedes Haus – für jung und alt.
Der Nikolaus kommt am Nikolaustag und das Christkind zum Weihnachtsfest. Das gilt noch immer. Wir müssen uns nur wieder daran erinnern. Und den Weihnachtsmann einfach mal nach Hause schicken.
Tom O. Brok, Pfr.
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