Weihnachtsflut forderte vor 300 Jahren 9000 Tote

Die Christ=Nacht war die Zeit / da Jeverlandes Blüthe

Durch Sturm aus NordNord=West zum Untergang gebracht /

Durch Sturm/ der schon zuvor das bebende Gemühte

Mit seinem steten Grimm und Wuht verzagt gemacht /

Der in der weiten See die Wellen aufgetrieben /

Wodurch die Teiche sind früh Morgens aufgerieben.

Conrad Joachim Ummen

(aus: „Die mit Thränen verknüpfte Weihnachtsfreude Jeverlandes, Bremen 1718)

 

Die Weihnachtsflut vom 24. auf den 25. Dezember 1717


Es vergeht kaum ein Monat, indem uns nicht Nachrichten über Naturkatastrophen erreichen: Erdbeben, verheerende Hurrikans, Überschwemmungen riesigen Ausmaßes, Waldbrände. Eine vergleichbare Katastrophe stellte die Weihnachtsflut von 1717 dar.

 

Tenge stellt fest: Sie "gilt als die höchste aller jemals vorher und vielleicht nachher an unseren Küsten aufgelaufenen Sturmfluten." In Dangast steht der Pegel auf 4,89 Meter über NN. Die Gesamtbilanz: 12.000 Tote und 10.000 Quadratkilometer überschwemmten Landes. Der Verlauf: Am 24. Dezember weht der Wind aus Südwest, dreht dann am 25. Dezember auf Nordwest und frischt zum Sturm auf. Erst am 26. Dezember lässt der Wind nach. Folge: Sehr hoher Wasserstand, obwohl keine Springflut herrschte. Die Deiche halten dem nicht stand und brechen mehr oder weniger überall. Das ganze Jeverland wird, ebenso wie Butjadingen, überschwemmt. Die Bilanz: Im Jeverland sterben 1549 Menschen. Dazu gehen 556 Pferde, 3915 Stück Rindvieh, 1005 Schweine und 1799 Schafe verloren. 449 Häuser werden zerstört.

 

Im Harlinger Land war der Deich an 54 Stellen durchbrochen, wobei 9 Kolke gerissen wurden. Der größte war etwa 100 Meter lang und rund zehn Meter tief. Im Kirchspiel Funnix starben 243 Menschen.

In Eckwarden (Butjadingen) sterben 275 Menschen. Dazu kommen 105 Pferde, 502 Stück Rindvieh, 401 Schafe und 201 Schweine um. 60 Häuser wurden zerstört und 87 beschädigt. In Burhave sterben 142 Menschen. Außerdem krepieren 705 Tiere, also Pferde, Rinder, Schweine und Schafe. 45 Häuser wurden zerstört. In Tossens beklagt man 126 Tote, von denen man nur 21 begraben kann - die anderen wurden von der Flut weggetrieben. 62 Häuser sind zerstört und 273 Stück Vieh umgekommen. In Waddens ertrinken 185 Menschen. 46 Häuser, darunter die Pastorei und die Küsterei, wurden weggerissen. Das Dorf muss man endgültig aufgeben. Langwarden und Stollhamm in Butjadingen wurden beinahe vollständig zerstört. 74 Häuser in Langwarden waren ausgetrieben, 121 lagen in Trümmern, 200 Menschen ertranken und fast der ganze Viehbestand war verloren. Schrecklicher noch litt Stollhamm, wo 582 Menschen das Leben einbüßten und 2000 Stück Vieh umkamen."

 

Insgesamt starben in den oldenburgischen Marschen damals 2471 Menschen. Außerdem gingen 2000 Pferde und 2258 Rinder verloren. Der Deichgraf Rudolf v. Münnich bilanziert, dass sich die Hausvogtei sowie die vier Marschvogteien und das Stadland nach der Katastrophe selbst behelfen könnten, nicht aber Butjadingen. Hier seien "viele Einwohner und das meiste Vieh ertrunken." führt Tenge aus Auf der Insel Langeoog wird die Kirche zerstört. Die Pfarrstelle bleibt von 1722 bis 1751 unbesetzt. Die Insel hat keine Einwohner mehr. Riemann bilanziert das Ergebnis der Katastrophe für das Jeverland wie folgt: "Die durch die Flut verursachten Verluste an Menschen, Vieh, Mobilien und Immobilien waren unermesslich. Kein Dorf auf der Marsch blieb ohne Verlust, am meisten von allen waren Minsen, Neuende und Heppens heimgesucht worden; ersteres verlor 235 Menschen, in Neuende und Heppens betrug der Verlust weit über 1/3 der ganzen Bevölkerung; es ertranken in Neuende 295 von ca 600 Bewohnern und in Heppens von 300 Seelen 128. In allen jeverschen Vogteien betrug der Verlust an Menschenleben 1275 von höchstens 10.000 Einwohnern und in dem kleinen Kniphausen waren 374 umgekommen, so dass der Gesamtverlust Jeverlands an Menschenleben sich auf 1649 blieb. Doch damit nicht genug: An Vieh waren ertrunken: 553 Pferde, 3021 Stück Hornvieh, 1748 Schafe, 1001 Schweine, außerdem waren 337 Häuser zerstört und 270 schwer beschädigt, abgesehen von den drei Kirchspielen Neuende, Heppens und Sande, wo fast alle Gebäude , welche stehen geblieben waren, großen Schaden erlitten und größtenteils unbewohnbar geworden waren.“ Doch das war nicht alles: Dazu war das Land in einem entsetzlichen Zustand. Von Sand, Schlamm und Gerölle waren weithin die Äcker überzogen und dadurch entwertet. Die Wintersaat war gänzlich verdorben, vielfach auch die Weiden, und auch die Frühjahrseinsaat gedieh auf den tiefer liegenden, lange vom Wasser bedeckten Äckern nicht. Die Obstbäume gingen im Laufe der nächsten beiden Jahre fast sämtlich ein - mit Ausnahme der Birnen, welche fast alle die Wasserflut gut überstanden und reiche Erträge brachten.

 

Und weiter: Mit der Weihnachtsflut von 1717 kam es in Butjadingen zu einem Stillstand aller Handelsaktivitäten. Etwa 2500 Menschen (28,3 Prozent der Einwohner von 1702) kamen in den Fluten um. Man zählte 10.000 Kadaver von Pferden, Kühen, Schweinen und Schafen. So wurden Ländereien herrenlos, weil keine Familienmitglieder diese Flut und ihre schweren Folgen überlebt hatten." Das Land Wursten wurde bis zum Geestrand überschwemmt. Die Deiche waren über weite Strecken weggespült. In der Flut kamen hier 196 Menschen um. 113 Häuser stürzten ein. Es gingen verloren: 220 Pferde, 587 Rinder, 544 Schweine, 1210 Schafe. Nach der Weihnachtsflut bleibt die Osterstader Marsch zwei Jahre lang überschwemmt, weil die Deiche nicht repariert werden können. Aber die Flut war nicht die einzige Ursache der Katastrophe: Die Dämme hatten durchweg nur eine Höhe von etwas über drei Metern, was, wie man wusste, völlig unzureichend war, indes ließen die Verhältnisse eine durchgreifende Änderung offenbar nicht zu. Das änderte sich in den folgenden Jahren. Die Deiche wurden nach dieser Katastrophe hier so erhöht und verstärkt, dass die Sturmfluten von 1726, 1746 und 1751 keine wesentlichen Schäden verursachten. So viel zur Bilanz der Weihnachtsflut, die sich bis heute im kollektiven Gedächtnis der Marschbewohner erhalten hat und stets als Vergleich dient, so bald die Flut wieder einmal einen Höchststand erreicht hat - wie 1962 geschehen. Bemerkenswert ist an der Schilderung jedoch, dass die Verluste an Menschen und Vermögenswerten zwar groß war, aber dass so gut wie keine Landverluste eintraten. Das trifft auch für das Dorf Waddens zu, das, wie dargestellt, bereits verloren war. Die Weihnachsflut gab dem Dorf den Rest. Und bei den folgenden Aufbaumaßnahmen fällt auf, dass es nun nicht mehr allein darum geht, die Kosten der landesherrlichen Hofhaltung zu sichern, wie zur Zeiten des Grafen Anton Günther und seiner Vorgänger, sondern dass nun wirklich das Wohl des Landes in den Vordergrund der Betrachtung tritt mit der Folge, dass das Deichwesen sowohl in der Grafschaft Oldenburg als auch in der Herrlichkeit Jever von Grund auf refor-miert wird. Die Folge dieser neuen Politik ist, dass es seither zu ähnlichen Katastrophen nicht mehr gekommen ist. Ob wir sie allerdings für die Zukunft ausschließen können, hängt sicherlich nicht mehr von den Ingenieuren ab, sondern davon, ob es gelingt, den Einfluß des Menschen auf das Klima der Erde zu minimieren und somit das Abschmelzen der Polkappen aufzuhalten.

 

Im Jahre 1718 vergrößern weitere Sturmfluten die bereits vorhandenen Schäden in der Wesermarsch. Unmittelbar nach der Weihnachtsflut schätzt man die Kosten auf 28.000 Taler, aber nach den folgenden Fluten stieg die Schätzung auf 138.000 Taler (nach heutigem Wert mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag zu beziffern), wobei vermutlich nur die Aufwendungen für die Wiederherstellung der Deiche gemeint waren. Als Ursache wird in den Untersuchungen auch benannt, dass die Deiche im ganzen Butjadinger Land "im vorigen Jahr (also vor der Weihnachtsflut) in keinem einzigen Ort in den vollen Bestick und genügenden Stand gebracht (waren), daher sie itzo durchgehend über den Haufen liegen." So zitiert Tenge eine zeitgenössische Quelle und fährt dann fort: "Die Gründe für die Vernachlässigung der Deiche lagen, außer der Entkräftigung und Entmutigung der Bevölkerung infolge der immer sich wiederholenden Unglücksfälle in dem gänzlichen Mangel des Landes an Geld und Kredit in jener ohnehin geldarmen Zeit." Die unmittelbaren Konsequenzen werden so beschrieben: Die Lebensmittel waren fortgeschwemmt, und wo es noch Getreide gab, konnte es nicht verarbeitet werden, weil es keine Gelegenheit gab, es zu vermahlen und Feuerung fehlte, um Brot zu backen. Schlimmer noch, so Tenge, war der Mangel an frischem Wasser für Mensch und Vieh. Überdies fehlte Kleidung und zu allem Überfluss waren Hilfslieferungen nur schwer ins Land zu bringen, weil die Wege durchweicht waren. "Es dauerte bis zum Mai 1718, dass die Versorgung der Notleidenden einigermaßen organisiert war."

 

Weiterführende Literatur:

1)  Jakubowski-Tiessen, Manfred: Sturmflut 1717 … München 1992

2) Eckhardt, Albrecht/ Schmidt, Heinrich Geschichte des Landes Oldenburg, Oldenburg 1987

3) Friedrich Wilhelm Riemann. Geschichte des Jeverlandes, Band 3, Jever 1931

4) Tenge, Oskar: Der Butjadinger Deichband …., Oldenburg 1912

5) Tenge Oskar: Der Jeversche Deichband …, Oldenburg 1898

6) http://www.hvonstorch.de/klima/pdf/hammerl.woth.pdf (Seite 8 ff)

 

Die Bücher 3) bis 5) , die, wie viele andere heimatgeschichtliche Werke digitalisiert sind, können auf der Hompage der Landesbibliothek Oldenburg eingesehen und downgeladen werden.

 

Sehr zu empfehlen ist das Buch von Manfred Jakubowski-Tiessen, zu beziehen über den Buchhandel oder ausleihbar in der Landesbibliothek Oldenburg

 

Quelle der Fotos: https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtsflut_1717

 

Johannes Rieper, Varel, Pfarrer i. R.

 

Artikel aus Magazin  Evangelisch in Varel

 

 

Text zur Karte

Kupferstichkarte des Nürnberger Kartographen und Verlegers Johann Baptist Homann (1664 – 1724): "Geographische Vorstellung der jämerlichen Wasser-Flutt in Nieder-Teutschland, welche den 25. Dec[ember A[nn]o 1717, in der heiligen Christ-Nacht, mit unzählichen Schaden, und Verlust vieler tausend Menschen, einen großen theil derer Herzogth[ümer] Holstein und Bremen, die Grafsch]aften] Oldenburg , Frisland, Gröningen und Nort-Holland überschwemet hat [...]". Die Karte zeigt die Nordseeküste von Nordholland bis Nordfriesland. Die überschwemmten Gebiete sind farblich markiert. Mit großer figürlicher Kartusche und Nebenkarte sowie Berichten und zwei weiteren Ansichten mit Dammbrüchen. (Ein Nachdruck der Karte ist im Shop der Wilhelmshavener Zeitung erhältlich.)

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