Johannes-Passion, Aufführung am 22. März 2026 in der Vareler Schlosskirche unter der Leitung von Thomas Meyer-Bauer
Auch mehr als 300 Jahre nach ihrer Uraufführung am Karfreitag 1724 in der Leipziger Nicolaikirche zählt Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion zu den musikalisch attraktivsten und emotional bewegendsten geistlichen Chorwerken der Musikgeschichte. Davon überzeugen konnten sich die Zuhörer am Sonntagabend in der fast vollbesetzten Vareler Schlosskirche. An der Aufführung der Bachschen Passionsmusik unter der Leitung von Kantor Thomas Meyer-Bauer wirkten die Kantorei an der Schlosskirche, das Elbipolis Barockorchester Hamburg und namhafte Solisten mit.
Einen maßgeblichen Anteil am Gelingen des Konzertabends hatte der von Thomas Meyer-Bauer sowohl stimmtechnisch als auch im Hinblick auf die musikalische Vermittlung und Deutung der Textinhalte vorzüglich einstudierte Chor. Die hohen Anforderungen, die die Partitur Bachs an die Chormitglieder stellt, ergeben sich allein schon aus den sehr unterschiedlichen musikalischen Formen, die sie zu gestalten haben. Hochdramatische, affektiv aufgeladene Szenen („Turba-Chöre") stehen neben Partien, in denen das Passionsgeschehen in kontemplativer und emotional berührender Musiksprache erklärt und reflektiert wird. Dies gilt neben den großartigen Chören zu Beginn („Herr unser Herrscher") und am Schluss („Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine") vor allem für die elf vierstimmigen Choralsätze, aus denen die Vareler Kantorei durch ihre einfühlsame Interpretation ein ergreifendes Hörerlebnis machte. Mancher in der Schlosskirche wird es bedauert haben, bei den meist bekannten Choralmelodien nicht selbst mitsingen zu können, was zu Bachs Zeiten durchaus üblich war.
Alle fünf großen Solopartien waren gut besetzt. Der US-amerikanische Tenor Michael Connaire bewältigte seine Riesenpartie als Evangelist und „Erzähler", der noch dazu Koloratur-Arien und ein Arioso zu singen hatte, mit Bravour. Hervorzuheben ist seine Fähigkeit, die dramatischen „Nachrichten" von der Gefangennahme, dem Prozess, der Kreuzigung und der Grablegung Jesu mit seiner nuancenreichen Stimme anschaulich und spannend zu vermitteln, sodass die stilistische Nähe der Johannespassion zum Oratorium und zur Barockoper deutlich hörbar wurde.
Julian Redlin (Bass) beeindruckte durch die Darstellung der Jesus-Partie. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme charakterisierte er den Gottessohn als einen in sich ruhenden Menschen, der sein Schicksal mit erhobenem Haupt, angstfrei und ohne Hass gegen seine Peiniger annimmt, um den Auftrag Gottes zu erfüllen. Der Vareler Ivo Berkenbusch überzeugte mit seiner beweglichen Bass-Stimme u. a. in dem ausdrucksvollen Arioso „Betrachte, meine Seel" sowie in der Partie des Pilatus, dessen innere Zerrissenheit er mit großer Intensität spürbar werden ließ. Das beachtliche Niveau zeigte sich auch in den Partien der Solistinnen Manja Stephan (Sopran) und Annette Gutjahr (Alt). Die von unsäglichem Schmerz geprägte Sopran-Arie "Zerfließe, mein Herze" und die Trost spendende Alt-Arie „Es ist vollbracht" zählen zu den nachwirkenden Momenten der Aufführung.
Die 20 Instrumentalisten des Elbipolis Barockorchesters waren nicht nur, wie schon so oft bei Vareler Konzerten, versierte Begleiter, sondern konnten in einigen Stücken auch ihre Virtuosität demonstrieren, so Christiane Hampe und Jürgen Groß (Violinen) in der meisterhaften Begleitung der ergreifenden Tenor-Arie „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken".
Das Publikum war sichtbar angetan von den Leistungen der Musiker, erkennbar bereits während der gut zweistündigen Aufführung an der gebannten Aufmerksamkeit, mit der die einzelnen Stationen der Passion Jesu verfolgt wurden. Dem Verklingen des Schlusschorals („Ach Herr, lass Dein lieb Engelein") schloss sich ein langer „Moment der Stille" an, bevor die Zuhörerschaft mit anhaltendem Beifall und stehenden Ovationen den Ausführenden und dem Gesamtleiter Thomas-Meyer Bauer dankte.
